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Worüber wir alle heftig nachdenken wollen.

Wenn man auf Staatenebene nur charakterverdorben, aber letztlich ichbezogen im vorderen Orient rumexistiert, kommen irgendwelche Leute an, unterstellen einem Massenvernichtungswaffen und ballern alles kaputt. Wenn man aber Pressekonferenzen vor einer von Elektronen umkreisten Landesflagge gibt und allen sagt, dass man dabei sei, Massenvernichtungswaffen zu bauen, sagen alle: "Der blufft." Genau habe ich diese Kommunikationskultur noch nicht durchschaut, ich bin aber gerne bereit, sie auf privater Ebene zu übernehmen. Öffentlich verkünde ich nun, dass ich nur einmal wöchentlich meine Bauchbehaarung entflechte, doch alle Welt brüllt nun: "Stimmt gar nicht, deine Bauchbehaarung ist die Gepflegteste von allen." Manche rufen sogar "Du hast doch gar keine Bauchbehaarung",  aber die haben das Absurditätsniveau noch nicht ganz erreicht.

Die Bauchbehaarung wuchert derweil munter und von Kulturen umringt vor sich hin und alle denken: "So ein Quatsch, Bauchbehaarung."

Das ist, so finde ich, eine tolle Sache. 

 

12.4.07 15:16


Pusta heißt auf ungarisch "Alföld".

Das zumindest erzählte mir eine Freundin, die sich in dem Sprachraum ein bisschen auskennt. Schon ein verrücktes Völkchen, diese Ungarn: Alle Welt nennt die Pusta (oder Puszta) in Anlehnung an die ungarische Landessprache Pusta (oder Puszta), und die Ungarn selbst nennen sie einfach ganz anders.

Doppelt großartig ist die Information natürlich für den, der das niedersächsische Städtchen Alfeld (zwischen Hannover und Göttingen) kennt. Wer Alfeld nicht kennt, braucht ein paar Hilfen zum vollen Witzverständnis (Witzverständnisvoraussetzungswissen):

Für Essener und Dortmunder: Das ist ungefähr so, als würde die Pusta auf ungarisch Möhlheim an der Röhr heißen oder Böchum.

Für Kölner: Stellt euch vor, Pusta hieße auf ungarisch Bönn.

Für Hamburger:  Die Pusta könnte auch Brönsböttel heißen.

Für Stuttgarter: Denkt euch mal, der Ungar könnte seine Pusta auch Böblingön nennen.

Für Sachsen: ...funktioniert der Witz leider nicht.

Das sind doch schöne Dinge, über die man durchaus mal nachdenken kann. Auch schön und bedenkenswert ist, dass mein Lieblingssatz des gestrigen Tages aus einer Katja-Mann-Doku stammt. Katja Mann beschreibt da einen Sanatoriumsaufenthalt bzw. bestimmte Mitkranke. Nun das Zitat: "Ich hätte nicht gedacht, dass jemand so krank und gleichzeitig so ordinär sein kann."

Was wirklich gut beobachtet ist: Kranke wirken ja immer so penetrant unordinär, fünf Minuten vor dem Tod erscheint jeder sanft und durchgeistigt wie ein Akademiker.

Folgerung: Viel mehr Leute sollten viel kränker sein. 

 

10.4.07 15:44


In diesen Zeiten will man nicht Förster sein.

Ich stelle mir das sehr deprimierend vor: Morgens das Forsthaus verlassen, den Wald sehen, das eigene Werk mühevoller Jahrzehnte, und der ist diesmal nicht nur - wie nach sonstigen Stürmen - durchgewuschelt wie ein Islandpony im Fellwechsel, sondern eher ein bisschen kahlrasiert. Die ganzen Effekte, für die  wir - der Förster im besonderen - Wälder so lieben, die Undurchdringlichkeit, den leichten Orientierungsverlust in der düsteren Gleichförmigkeit der Bäume,  es ist alles nicht mehr. Ein fadenscheiniges Gehölz, durch das man hindurch auf sein anderes Ende blickt wie durch einen Ostermarsch in unpolitischen Zeiten. Der Wald nach Kyrill ist eine DKP-Kundgebung.

Vielleicht ist der Förster Punk oder Existentialist, dann wird er noch drei Wochen Spaß haben können am Werk der endgültigen Zerstörung, der totalen Destruktivität: Bäume fällen, sägen, mulchen, vielleicht ist der Förster auch in einer Lebenskrise und kann hier endlich mal wieder in Frieden aggressiv sein, die Frau im Forsthaus erlaubt's ja nicht mehr und immer nur jagen macht auch nicht ruhiger, "Eine Sau mit bloßen Händen erwürgen, das wär's", hat der Förster des öfteren auf seinem Hochsitz gesagt, eventuell, bevor der Sturm kam. Jetzt darf er gleich seinen Wald umhacken. Bitter sweet so etwas, aber nichtsdestoweniger Symphony.

Aber dann muss er neu aufforsten, junge Bäume in eine Welt stellen, die junge Bäume zerstört, "Wie Kinderzeugen fürs Jugendamt", denkt der Förster, und dann sofort, dass der Vergleich hinkt. Dennoch: Spaß macht es ihm nicht, junges Leben dem sicheren Untergang zu weihen, der Förster wurde Förster aus Liebe zur Natur, ein Idealismus, der ihn das heutige Forstwesen nicht mehr ertragen lässt. "Ich wollte für das Leben kämpfen", sagt der Förster, und dann, theatralisch: "Ich bin chancenlos gegen Chinas Fabriken."

Der Förster von heute muss Fatalist sein. 

   

9.4.07 11:08


Mit dem Rücken zur Orgel

In alten Sci-Fi-Filmen ist der Selbstzerstörungsmechanismus ein Knopfdruck: Dietmar Schönherr drückt auf ein Bügeleisen und das Raumschiff ist Schrott.

Uralte Kulturinstitutionen müssen sorgfältiger vorgehen, wenn sie sich selbst für immer vernichten wollen. In der evangelischen Kirche ist der Selbstzerstörungsmechanismus ein Schlagzeug in der Osternacht. Der Schlagzeuger (ein Versagerkind aus gutem Haus) haut viermal auf die Becken, dann rumpelt die Maschinerie des Grauens los. Sie besteht zu gleichen Teilen aus dicklicher Junggemeinde, selbstliebenden Pfarrern und minderwertigen Instrumenten. Von absoluter Talentfreiheit kündend dröhnt ein Sound durchs Mittelschiff, der mit heterophon noch wohlwollend beschrieben wäre.

Danach, dazwischen und dahinter (bzw. "auf alle über, über allen auf" ): Laienspiel der untersten Kategorie, Ausdruckstanz auf dem Vulkan der Peinlichkeit, reichhaltig synkopierte Schrottlieder. "Führe uns aus den Sahelzonen der Einsamkeit" singen die, die nicht lachen müssen, und das sind erschütternderweise immer noch viele, bei dieser "Show", deren Hauptproblem, neben der Talentfreiheit der Protagonisten, es ist, eine solche und kein Gottes-Dienst zu sein.

Fußnägel kräuseln sich vor Peinlichkeit, ein Festival des Fremdschämens, Paul Gerhardt ist zwar schon ein paar Jahrhunderte tot, doch hier wird sein Geist beerdigt, es lebt stattdessen: das billige Ranwanzen an das, was 50-jährige Pfarrer für modern halten. "Der Himmel geht über allen auf, auf alle über über allen auf..." Was an Glaubenstiefe fehlt, wird durch Originalität ausgeglichen. Wo sonst kann man den Herrn preisen und gleichzeitig Präpositionen lernen? Der kirchliche Popsong ist multifunktional: Nachmittags singt man ihn im Sprachkurs für Migranten, abends im Gedächtnistraining für Altersdemente, nachts wird er zum Teil der Schleimflut, die sich über die potentiellen Kirchenaustreter ergießt. Mit Paul Gerhardt wäre das wohl nicht gegangen, "was ist 'güldene Sonne'?" hätten die Migranten gefragt und man will ja niemanden verunsichern, nicht hier, nicht in Königswinter, nicht davor, und auch nicht dahinter. Oder ähnlich.

Dass das Kirchenlied in den Siebzigern zu einem peinlichen Schlager-Surrogat (auch mit viel "Liebe", nur mit "Gott" statt "Du" ) verkommen ist, war schlimm. Schlimmer ist, dass im Jahr 2007 tausende Gemeinden immer noch nicht gemerkt haben, dass der Mitgliederschwund zu einem Gutteil auf solche Profil- und vor allem: Würdelosigkeit zurückgeht.

Es wäre nicht allzu schwer, in einer 1000 Jahre alten Kirche und einer Osternacht einen Anflug von ebendieser Würde und Spiritualität aufkommen zu lassen. Es verlangt kein Höchstmaß an Talent, ein Blick zur Konkurrenz beweist es: Eine dunkle Kirche, eine dicke Kerze, getragen von einem dicken Mann, der schreitet gemessenen Schritts und sagt diverse Male monoton "Lumen Christi". Um ihn herum: Jugendliche in weißen Gewändern, sie tragen Glöckchen, Kelche und sonstiges Brimborium.

"Brimborium ist Faschismus", rufen die Kirchentagsprotestanten seit Jahren, "da zeigt die Inquisition ihre verführerische Macht." Dann setzen sie sich ans Schlagzeug und trommeln ein Protestlied namens "Dämpfe, Kerzen, Bimmeln, bring' uns nicht gen Himmeln." Oder ähnlich. Dabei halten sie sich für progressiv. Sind sie natürlich nicht. In ihrer Selbstzentrierung, Selbstliebe und Selbstgerechtigkeit sind in Wirklichkeit sie die legitimen Nachfolger von Inquisition, Ablasspredigern und den weltlich orientierten Kirchenfürsten des Mittelalters:  Gott kommt auch bei ihnen nur am Rande vor, als Legitimierung eines selbstherrlichen Tuns.

Dagegen das archaische Brimborium der Katholiken im Jahr 2007: Mit ihm wird der Gottesdienst aus dem Alltag erhoben. Durch die Abwendung von den eigenen Lebensgewohnheiten wird der Gottesdienst erst Gottesdienst. Ob es das einzig Wahre ist - keine Ahnung. Aber es ist ein allemal angemesseneres Verhalten Gott gegenüber, als ihn auf Teufel komm' raus den eigenen Lebensgewohnheiten anzupassen und "Tears in Heaven" vom Tonband zu spielen (Hier gilt: Wenn überhaupt, dann live, und wenn das Talent dazu nicht reicht, dann gar nicht.)

Der flippige Pfarrer und die dicken evangelischen Gemeindejugendlichen, die sich so peinlich exponierten, hätten bei dem Rückzug auf (wenn auch katholische) Tradition nicht schlecht aussehen können, zwei Worte (ein Mantra) und ein gemessener Gang für ein kollektives Gipfelerlebnis, wenig ist viel, wenn es um Gott geht, oder allgemeiner: um Spiritualität.

Dass die junge Bildungselite des Landes zu so großen Teilen glaubt, diese Spiritualität nur in Buddhismus und Yoga finden zu können, hängt ja nicht zuletzt an der Traditionsverleugnung des modernen Christentums. Liturgie und Tradition sind wirksame Mittel gegen Dilletantismus, ein Gottesdienst in einem spanischen Bergdorf ist ergreifender als jeder Popgottesdienst: Weil seine Protagonisten in ihrer Hinwendung zu ihrem Gott authentisch etwas verkörpern, anstatt die ganze Zeit etwas Neues aus ihrer (sicherlich auch nicht sehr ausgeprägten) kreativen Substanz zu ziehen.

Doch nicht nur katholisch, auch unique protestantisch hätte man das Problem lösen können: Mit Liedern, die seit Jahrhunderten überdauern, statt mit anmaßendem Pseudopop. Was aber denken sich diese Menschen nun, die glauben, ihrem Gott durch das Verzapfen von Schrott zu dienen? Welches Problem haben Leute mit ihrer eigenen Tradition, die jeden Scheiß mitmachen, Hauptsache, es sieht nicht so aus, als hätte es schon ein paar Jahrhunderte auf dem Buckel? Was ist das Selbstbild der Leute, die sich berufen fühlen, trotz eines absoluten Mangels an Fähigkeiten, alles neu zu machen?

Wenn man ihnen sagt, dass sie besser auf den Schultern der Riesen stehengeblieben wären, statt so jämmerlich durchs Tal ihrer eigenen Mittelmäßigkeit zu waten, wird man als Reaktionär beschimpft. Gerade zu Ostern, dem Auferstehungsfest, sagen sie, dass alles neu werden muss. Weil Christus auferstanden ist. Dass Christus einmal in 2000 Jahren auferstanden ist und nicht ständig und immer und zu jedem möglichen oder unmöglichen Zeitpunkt, interessiert sie dabei weniger.
 
Die, die diese Auferstehung als einmaliges Ereignis anerkennen, denken nicht in Kategorien wie "neu" oder "alt": Ihnen geht es um Größe, und die Größe einer Osternacht steckt in ihrer Würde, ihrer Güte und ihrer Authentizität. Wichtig dabei: Was würdig und gut und echt ist, ist würdig und gut und echt, ob neu oder alt oder irgendwo dazwischen. Nur: Würdiges und Gutes und Echtes, neu zu schaffen, ist schwer. Da reicht es nicht, in einer der mystischsten Nächte des Jahres, ein Schlagzeug in die Kirche zu stellen. Im Gegenteil: Das macht alles nur noch schlimmer.

Ich glaub', ich werde katholisch.

8.4.07 12:57


Der Malaienbär heißt Klaus.

Im Fernsehen hat er sich eine Regenrinne voller Möhren vor den Schädel gehauen und ist dann winselnd zusammengebrochen. Das hatte was von aktivem Lebensüberdruss à la Junge-Tote-des-Rock'n'Roll, das war ganz schön gut. Seitdem mag ich Malaienbären. Dumm, aber mit Charakter, das findet man im Säugetierbereich nicht mehr allzu häufig, das gibt es sonst nur noch bei den letzten öffentlichen Alkoholikern im Ruhrpott und auch die sterben ja aus und werden durch Talkshowgäste ersetzt. Die Würde der Wesen stirbt dahin.

 
Die Realität ist deshalb immer tendenziell eine Enttäuschung, so auch im Zoo, aber das Fell von Klaus ist schick, auch wenn sich der Insasse nicht bewegt. Es sieht so aus, als müsse es sich anfühlen, wie ein Faltenhund ohne Falten, mal anfassen wäre gut, aber interaktionsmäßig sind diese Zoos Entwicklungsland, die Ausschließlichkeit des Visuellen wird dem Wunsch nach Nähe zu Säugetieren nicht gerecht.

 

Die Erdmännchen sind klein und schmutzig, "Die Wachhabenden sind die Rangniedrigsten", wird Wissen weitergegeben, von Vater zu Sohn und ich denke, dass das der Ursprung der Jauch-Kultur ist: Was wissen, aber blöd sein. Was würde unsereins mit Kind im Zoo machen, meinungsfreudig und klug, aber ahnungslos, wie wir sind? Kinder wollen scheins Erklärungen. Mit einem launigen Kommentar à la "Wenn man so durch den Zoo geht, fragt man sich ja schon, ob Evolution nicht einfach ein großer, göttlicher Witz ist" können die nichts anfangen. Man sollte also den Reproduktionswunsch überdenken.

 

Diese Fähigkeit unterscheidet uns ja letztlich auch von anderen Säugetieren.

7.4.07 12:01





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